Der Alltag eines Rettungssanitäters

Reinhard GrichtingIn seinen 23 Jahren als Rettungssanitäter hat Reinhard Grichting viele schwere Strassenverkehrsunfälle gesehen. In einem Interview gibt uns der Leiter Ambulanz und Rettungsdienst der Stadt Grenchen Einblick in den Alltag auf der Schattenseite der Schweizer Strassen.

 

Herr Grichting, was passiert in den Sekunden und Minuten nachdem bei Ihnen eine Notfall-Meldung eingeht?   Der Anruf geht zuerst an die Alarmzentrale, die uns über Pager alarmiert. Jetzt muss es schnell gehen. Nach zwei Minuten sind wir im Normalfall unterwegs. Innerhalb von Grenchen sind wir in drei, vier Minuten vor Ort.

 

Können Sie aufgrund des Notrufs bereits einschätzen was Sie erwartet? Nur sehr schwer. Meistens wissen wir nur, dass es sich z.B. um einen Verkehrsunfall handelt. Teilweise erfahren wir wie viele Personen verletzt sind, vor Ort sieht die Situation jedoch oft anders aus.  Zur Schwere der Verletzungen haben wir normalerweise kaum Informationen. Ein Anhaltspunkt gibt die Stimme des Anrufers. Ist er in grosser Hektik ist das ein schlechtes Zeichen.

 

Was passiert wenn Sie am Unglücksort eintreffen? Jeder Einsatz ist anders. Wenn ich an der Unfallstelle vorfahre, sehe ich bereits aus der Distanz die Autowracks. Man sieht Menschen am Boden liegen, Schuhe, Kleider. Aufgrund von Erfahrungswerten und der Unfallsituation entscheidet sich innert Sekunden das Vorgehen.

 

Sind Sie nervös wenn Sie an die Unfallstelle fahren? Bei meinen ersten Einsätzen war ich nervös, fragte mich ob ich alles richtig mache. Mittlerweile sind die Handgriffe Routine, das Team ist eingespielt und weiss was zu tun ist. Wichtig ist aber, dass man diese Routine immer wieder hinterfragt und sie nötigenfalls anpasst.

 

Wie beurteilen Sie die jetzige Situation auf Schweizer Strassen? Leider sind Verkehrsunfälle keine Seltenheit. Das Gurtenobligatorium, Knautschzonen und Airbags haben zwar viel dazu beigetragen, dass es weniger Unfälle mit Schädelhirntraumata gibt. Jedoch ist das eine trügerische Sicherheit, die gewisse Verkehrsteilnehmer dazu verleitet, schnell zu fahren. Kommt es zum Unfall wirken durch die Geschwindigkeit enorme Kräfte auf die Opfer, die schnell zu schweren Verletzungen oder dem Tod führen können.

 

Das beschäftigt Sie… Das Schlimmste für mich ist einfach, wenn jemand aus dem Leben gerissen wird, der wirklich nichts dafür kann. Wenn schwere Verletzungen dazu führen, dass der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann. Leider kommt das im Strassenverkehr sehr oft vor. Das beschäftigt mich und macht mich traurig. So viele Unfälle wären vermeidbar. Gefährliches Rasen, bewusst riskante Überholmanöver, Rennen auf öffentlichen Strassen, diese Sinnlosigkeit muss dringend aufhören.

 

Wie beurteilen Sie die Arbeit von RoadCross Schweiz? Ich bin froh, nimmt RoadCross Schweiz die Probleme im Strassenverkehr ernst und setzt sich für ein härteres Vorgehen gegen Raser ein, macht Präventionsarbeit bei Jugendlichen und ist schweizweit die einzige Organisation, die speziell für Verkehrsopfer und ihre Angehörigen da ist. Das finde ich sehr wichtig.