Der Weg zurück ins Leben

Wolken, die sich in gewaltigen Massen auftürmen. Kondensstreifen, die im Glanz des Abendrots brennen wie eine Feuerspur. Das gleissende Licht von Millionen Sternen. Ein Regenbogen, der den Horizont ganzer Landschaften neu zeichnet. Es sind Momente, in denen Nicole Ferrero andächtig nach oben blickt. Der Himmel, sagt sie, habe sie schon immer fasziniert. Die Schönheit all dessen, was ihm Leben verleihe. Aber seit es passiert sei… Ja, seither sei dieses Gefühl noch viel stärker.

Es. Darüber spricht die 49-Jährige überraschend offen. Zu oft hat sie über diese eine Nacht nachgedacht. Zu oft mit Freunden, Verwandten, Bekannten, ja selbst mit Fremden über die schlimmen Stunden und die Monate danach gesprochen. Zu oft, als dass sie es jetzt nicht könnte. «Immer wenn ich einen Regenbogen oder ein besonders kräftiges Abendrot sehe, kommt es mir vor wie ein Zeichen», sagt sie. «Dann fühle ich, dass Melina ganz nah bei mir ist.» Melina ist Nicole Ferreros älteste Tochter. Sie starb im Oktober 2010 in einem Verkehrsunfall. Damals war sie 16 Jahre alt.

An die Unfallnacht erinnert sich Nicole Ferrero, als wäre es gestern gewesen. Die beiden Töchter Lea und Melina sind an jenem Freitagabend mit guten Kollegen unterwegs. Es ist gegen ein Uhr, als sie mit einem befreundeten Fahrer und zwei weiteren Jugendlichen den Nachhauseweg antreten. Auf der Gerlisbergstrasse oberhalb von Kloten kommt es zum Unfall. Am Ende einer langgezogenen Linkskurve gerät der Wagen aus ungeklärten Gründen von der Fahrbahn ab und prallt gegen einen Baum. Melina, die auf dem Beifahrersitz sitzt und ein junger Mann, der hinter ihr Platz genommen hat, verlieren ihr Leben.

Der Unfall geschieht nur wenige Hundert Meter vom Haus entfernt, in dem Melinas Familie wohnt. Kurz nach ein Uhr wird Nicole Ferrero, die im Wohnzimmer auf ihre beiden Töchter wartet, zum Unfallort gerufen. Es ist ihr Partner Tom, der sie am Ort des Geschehens über den Tod von Melina informiert. Ihre Welt bricht zusammen. «Ich habe den Satz nicht verstehen können, so unmöglich erschien mir das, was ich hörte. Aber ich habe jedes einzelne Wort gespürt. Es fühlte sich an, als würde mir das Herz aus dem Körper gerissen.»

Es ist ein grauer Dezembernachmittag. Das wenige Tageslicht, das nicht von den düsteren Wolken ausgesperrt wird, zeichnet einen schalen Glanz auf den nassen Asphalt der Gerlisbergstrasse. Die Strasse verbindet Kloten über den Gerlisberg mit dem nahe gelegenen Birchwil. Zwischen weiten Ackerfeldern schlängelt sich dünn der graue Teer dem Hügel empor. Links und rechts begrenzen Bäume die Strasse, Strassenleuchten oder eine Mittellinie gibt es nicht. Auf dieser Strecke verlor Melina im Herbst 2010 ihr junges Leben. Heute ist Nicole Ferrero auf derselben Strasse unterwegs zum Grab ihrer Tochter. Ein trauriges Echo des Lebens.

«Am Anfang ist mir der Gang zum Friedhof sehr schwer gefallen. Immer wieder habe ich mich gefragt: ‹Warum muss ich jetzt zu dir›?» Inzwischen, so sagt sie, sei der Weg leichter geworden. Aus täglichen Besuchen wurden zweitägliche, schliesslich wöchentliche. Auch diese Reduktion habe den Weg leichter werden lassen, sagt Nicole Ferrero. An diesem Nachmittag hat sie einen hüfthohen Kunst-Weihnachtsbaum für Melina mitgebracht. Der Platz auf dem Grab ist knapp. Vor dem herzförmigen Grabstein liegen Engelsstatuen, Kerzen und Blumen eng beieinander, von einem gerahmten Foto lächelt Melina – Tag für Tag. Ein Sonnenschein sei sie gewesen und als Sonnenschein habe man sie im Ort gekannt. Ein Charakter, der Spuren hinterlassen hat. Widmungen guter Freunde schmücken die Figuren auf der Grabstelle. Zeichen einer Verbundenheit, die bis in die Gegenwart wirkt. «Mit vielen von Melinas Freunden stehe ich heute noch in Kontakt», sagt Nicole Ferrero. «Sie sind ein wichtiger Teil eines grossen Netzes von Solidarität und Anteilnahme, das uns vom ersten Tag an liebevoll umspannt hat.»

Solidarität und Anteilnahme – beides durfte die Familie in den Wochen und Monaten nach dem Unfall erfahren. Freunde und Familie halfen im Haushalt, putzten, kauften Lebensmittel ein. Sie umsorgten, trösteten, gaben Halt, sorgten für Ablenkung. «Die Unterstützung war unglaublich», sagt Nicole Ferrero. «Sie hat uns so viel Kraft gegeben.» Besonders wichtig war diese Hilfe in den ersten Tagen nach dem Unfall. Beerdigung, Trauerkarten, Abklärungen mit den Behörden: Täglich kamen neue Aufgaben auf die Kleinfamilie hinzu. Jede Stunde zehrte an den Kräften, Nicole Ferrero funktionierte nur noch.

Dann plötzlich war der Trubel vorbei. Ruhe kehrte ein und mit der Ruhe kam das Bewusstsein, dass Melina fort ist. Die Monate vergingen, das Zimmer blieb leer, die Welt aber drehte sich weiter. Lange Zeit verging, bis das Leben ins Haus der Familie zurückkehrte.

Doch als es zurückkehrte, war es nicht mehr vollständig. Ein Stuhl sollte von da an immer leer, ein Lachen immer verstummt bleiben. Eine neue Realität, die zu akzeptieren besonders Melinas Mutter schwer fiel. Am schlimmsten sei es jeweils am Morgen gewesen, erzählt sie. Beim bitteren Moment des Erwachens, wenn sie die Träume abstreifen musste und sich der Realität ausgesetzt sah. «Erleichterung brachte mir schliesslich die Rückkehr ins Arbeitsleben», sagt Nicole Ferrero. «Das hat die morgendliche Melancholie durchbrochen und wieder Struktur in meinen Alltag gebracht».

Nicht gegangen wäre es ohne die Familie. Das Band, das Nicole, Lea und Tom umschliesst, ist nach dem Unfall stetig stärker geworden. Mit Lea habe sie zwar seit jeher ein enges Mutter-Tochter-Verhältnis gehabt, sagt Nicole Ferrero. «Doch durch Melinas Tod sind wir uns noch viel näher gekommen. Ich passe auf sie auf und sie auf mich.» Auch die Beziehung zu Partner Tom ist gewachsen. Natürlich habe man manchmal Differenzen. «Aber jede Meinungsverschiedenheit erscheint uns heute unwichtig, angesichts dessen, was wir gemeinsam durchleben mussten.» Eine Beziehung, so ist sich Nicole Ferrero sicher, die etwas so Schlimmes überstanden hat, besteht jede Herausforderung. Ein Gedanke, der Mut macht.

Szenenwechsel zum Haus der Familie in Kloten. Zwischen der mit viel Grün bestückten Gartenterrasse und dem Runway 28 des Flughafens liegt rund ein Kilometer. Bei Westwind dröhnen Flugzeuge von Osten her so knapp über den Häusern vorbei, dass man versucht ist, die Finger nach ihnen auszustrecken. Die Fliegerei ist im Leben von Nicole Ferrero ein zentrales Element. Über 25 Jahre ist es her, seit sie als Flugbegleiterin bei der Swissair anfing. Nach einer längeren Pause fand sie 2012 bei der Swiss den Weg zurück an Bord. Ein Wiedereinstieg, der gut getan hat. «Ich bin unter Menschen, komme mit fremden Geschichten in Berührung, erlebe andere Kulturen», sagt Ferrero und blickt aus dem Fenster. Sie sitzt am hölzernen Esstisch des liebevoll eingerichteten Wohnzimmers und erzählt von ihrem Berufsalltag. Gestern San Francisco, nächste Woche Bangkok. Dazwischen viel Zeit zu Hause, ohne Pendenzenberg. Zeit für Gedanken, Zeit für Freuden.

Ihr Leben findet längst nicht mehr im Schatten statt. Im Gegenteil. Glück dominiert wieder den Alltag von Nicole Ferrero. In vielerlei Hinsicht, so sagt sie, habe ihr Leben sogar eine Bereicherung erfahren. «Ich lebe bewusster. Für vieles, das ich früher als selbstverständlich erachtet habe, bin ich heute unendlich dankbar.» Dazu kam die Erkenntnis, dass es für alles im Leben Momente gibt und geben muss. Momente des Glücks, Momente der Trauer. Zeiten des Aufblühens und Zeiten des Vergehens. Heute liegen diese Facetten für Nicole Ferrero enger beieinander denn je. Erzählt sie von ihrer Melina, wechseln sich Lächeln und Tränen ab. Geht ihre Stimme bald leise stockend, bald singend, getrieben von schönen Gedanken.

Seit dem tragischen Unfall am Gerlisberg sind mehr als vier Jahre vergangen. Die Zeit der Trauer war intensiv, der Weg hinaus war es erst recht. Melina aber hat während allen Phasen ihren Platz im Leben der Familie behalten. Nie wird es eine Zeit geben, in der Nicole, Lea und Tom nicht mehr an sie denken. Sie wird immer Teil der Familie sein, genau wie ihre Geschichte immer Teil der Familie sein wird. Und das will Nicole Ferrero auch zeigen. Sie deutet auf das Gemälde eines Schmetterlings, das an einer freien Stelle im Wohnzimmer hängt. Sie selbst hat es nach dem Unfall für ihre Tochter gemalt. Links davon lächelt aus verschiedenen Bilderrahmen eine glückliche Melina. Vier Kerzen stehen auf der Kommode im Vordergrund, die Decke darüber ist von Russ leicht verfärbt. Auch jetzt zündet Nicole Ferrero für ihre Tochter eine Kerze an. Ein Ritual. Ein Moment zwischen Mutter und Tochter, der Erinnerungen wahrt.

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