Artikel aus „Bildung Schweiz“ (12/2019) von Marcel Hegetschweiler

Unfallprävention auf Augenhöhe

Serkan Yalçinkaya arbeitet jeden Tag mit anderen Jugendlichen. Als Moderator bei der Stiftung RoadCross klärt er sie über die Konsequenzen ihres Handelns im Strassenverkehr auf. Er möchte, dass sie ihr eigenes Handeln hinterfragen. Dabei scheut er sich nicht, sich den Jugendlichen gegenüber zu öffnen und sich selbst zum Thema zu machen.

Rund 40 Lernende haben sich an diesem nebligen Herbstmorgen in der Aula des Berufsbildungszentrums Schaffhausen zur Präventionsveranstaltung Sicherheit im Strassenverkehr der Stiftung RoadCross Schweiz versammelt: Polymechaniker, Logistikassistentinnen, Restaurantionsangestellte und Unterhaltspraktiker.

Serkan Yalçinkaya, Moderator der Veranstaltung, begrüsst die Jugendlichen, stellt sich als Serkan vor. Dann sagt er: «Wir arbeiten mit Unfallbildern. Wenn jemand ein Unfallbild wiedererkennen sollte, dann hat er oder sie drei Möglichkeiten: Hand aufstrecken und ‹Bitte weitermachen› sagen, mir ein Zeichen geben und kurz an die frische Luft gehen, oder wir eröffnen gemeinsam eine Diskussion über den Unfall.» Es wird zum ersten Mal mucksmäuschenstill im Saal. Yalçinkaya lässt seinen Blick über die Lernenden schweifen, grinst und fügt an: «Wenn jetzt alle beim ersten Bild rausgehen, dann geht das natürlich nicht.» Ein paar Jugendliche lachen kurz auf, die Stimmung in der Aula entspannt sich wieder.

«Bei mir ist es immer wieder vorgekommen, dass ich eine Person in der Veranstaltung hatte, die persönlich von einem Unfall betroffen war», erzählt Serkan Yalçinkaya. Darum erwähne er am Anfang der Veranstaltung jeweils diese drei Möglichkeiten. «Wenn ein Jugendlicher ein Unfallbild wiedererkennt, hat er meist nicht die Zeit, um zu überlegen, was er jetzt tun soll. Darum ist es wichtig, dass er diese drei Optionen kennt und dann diejenige auswählen kann, die für ihn am besten ist.» Die direkte Betroffenheit von anwesenden Lernenden sei bereits bei Vorabklärungen der Veranstaltung ein Thema. Er habe aber auch schon kurz vor der Veranstaltung noch Unfallbilder rausnehmen müssen.

Serkan Yalçinkaya arbeitet seit sechs Jahren für die Stiftung RoadCross Schweiz, wo er Jugendliche für die Konsequenzen des eigenen Verhaltens im Strassenverkehr sensibilisiert. Fotos: Marcel Hegetschweiler

Serkan Yalçinkaya arbeitet seit sechs Jahren für die Stiftung RoadCross Schweiz, wo er Jugendliche für die Konsequenzen des eigenen Verhaltens im Strassenverkehr sensibilisiert. Fotos: Marcel Hegetschweiler

Moderator, Teamleiter, Coach, Trainer – und angehender Psychologe

Serkan Yalçinkaya weiss, wovon er spricht. Seit sechs Jahren arbeitet er als Moderator für die gemeinnützige Stiftung RoadCross Schweiz. Die Nachfolgeorganisation der 1989 vom damaligen LdU-Nationalrat Roland Wiederkehr gegründeten Vereinigung für Familien der Strassenopfer hält in der ganzen Schweiz Präventionsveranstaltungen rund um das Thema Sicherheit im Strassenverkehr ab. Yalçinkaya arbeitet in einem 100-Prozent-Pensum und ist als Teamleiter auch für die Ausbildung und das Coaching der acht weiteren Moderatoren im Raum Deutschschweiz verantwortlich. Sein Publikum besteht hauptsächlich aus Berufslernenden. Er referiert aber auch vor Jugendlichen in Jugendstrafanstalten, Gefängnissen und Sportclubs oder leitet Präventionsveranstaltungen für Erwachsene, zum Beispiel in Firmen mit Fahrzeugflotten. Daneben studiert der 29-Jährige Angewandte Psychologie und trainiert als Fussballjuniorentrainer die U14 des FC Schaffhausen.

«Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren. Wir
wollen, dass die Jugendlichen ihr eigenes Handeln hinterfragen
und die Konsequenzen kennen: rechtlich, finanziell, körperlich und psychisch.»

Unfallrisiko steigt für unter 25-Jährige und über 75-Jährige

Seit den frühen 1970er-Jahren sinkt die Anzahl Unfälle mit Personen im Strassenverkehr. Gab es 1971 noch 1773 Verkehrstote auf den Schweizer Strassen, waren es im vergangenen Jahr noch 233, neben 3873 Schwerverletzten. 2018 hielten elf RoadCross-Moderatorinnen und -Moderatoren in 21 Kantonen 425 Präventionsveranstaltungen ab. Damit erreichten sie 14 389 Jugendliche und junge Erwachsene. Im selben Jahr waren gemäss Führerausweisstatistik von 5’905’492 Inhaberinnen und Inhabern eines Führerausweises Personenwagen 379 531 zwischen 18 und 24 Jahren alt und 82 832 Neulenkende. Gemäss verschiedenen Studien haben unter 25-Jährige sowie über 75-Jährige in der Schweiz das grösste Unfallrisiko.

«Wir wollen nicht mit erhobenem Zeigefinger belehren», sagt Serkan Yalçinkaya. «Wir wollen, dass die Jugendlichen ihr eigenes Handeln hinterfragen und die Konsequenzen kennen: rechtlich, finanziell, körperlich und psychisch.» Und diese Folgen können es in sich haben. So lernen die Jugendlichen in Schaffhausen an diesem Dienstagmorgen unter anderem Kathrin kennen, die als 15-Jährige voller Freude über ihr Lehrstellenangebot auf ihr Töffli stieg, um der Freundin von ihrem Glück zu erzählen – und mit einem Auto kollidierte. «Es kehrt einem das ganze Leben», sagt sie Jahre später als erwachsene Frau in einem Kurzfilm. Sie musste nach dem Unfall wieder sprechen und gehen lernen. Noch heute kämpfe sie mit Müdigkeit und Konzentrationsschwierigkeiten. Durch die Nase könne sie zudem nichts mehr riechen.

Mit Einfühlungsvermögen, Offenheit und der nötigen Prise Humor schafft er es, die Jugendlichen abzuholen.

Im Fokus: Die Jugendlichen und ihre Geschichten

In den Veranstaltungen von Serkan Yalçinkaya werden aber nicht nur Schicksale, Zahlen und Unfälle präsentiert und über die Folgen von Letzteren aufgeklärt. Immer wieder versucht der versierte Moderator mit den Lernenden ins Gespräch zu kommen. «Wir machen schnell Duzis mit den Jugendlichen, um auf Augenhöhe mit ihnen zu kommunizieren, damit wir die Veranstaltung mit den Erfahrungen, die sie selbst gemacht haben, füllen können», erklärt er. Er wolle die Jugendlichen das Erlebte erzählen lassen und zusammen mit ihnen reflektieren, was richtig und was falsch gemacht worden sei – und was hätte passieren können.

Die Jugendlichen hören zu, öffnen sich ihm erstaunlich schnell. Was ist sein Geheimnis? «Was sicher hilfreich ist, ist mein Name», versucht Yalçinkaya seine gute Wirkung auf Jugendliche zu erklären. «Mit diesem spreche ich meist schon gefühlt die Hälfte der Teilnehmenden an – nämlich diejenigen mit Migrationshintergrund.» Er vermute, dass die Lernenden meist mit anderen Erwartungen an die Präventionsveranstaltung kämen und diese Erwartungen dann mit dem kollidierten, was sie dort tatsächlich erleben. «Zu diesem Zeitpunkt habe ich sie jeweils bereits fast ein bisschen im Sack», sagt der Moderator und lächelt. Anschliessend versuche er die Jugendlichen mit ein paar lockeren Sprüchen abzuholen, die zum Lachen animieren. «Es ist mir wichtig, dass den Jugendlichen nicht gleich der Laden runtergeht.» Zudem komme ihm wohl auch entgegen, dass er noch nicht so weit weg von ihrem Alter sei. Das, was seine Klientel gerade erlebe, bereits erlebt habe oder bald erleben werde, kenne er zu einem grossen Teil selbst, so etwa die dreijährige Probezeit für Neulenkende. Dadurch könne er auch sein eigenes Leben und seine eigenen Geschichten einbringen.

Lachen ist erlaubt!

So erfahren die EFZ- und EBA-Lernenden in Schaffhausen beim Thema Ablenkung während des Fahrens durch Emotionen, dass er als Jugendlicher nach 117 Bewerbungen eine Lehrstelle als Automatiker gefunden habe und vor Freude mit seinem Mofa im Slalom ins Training gefahren sei. Den Helm hatte er lässig auf den Kopf gesetzt, der Kinnriemen blieb offen. An die Konsequenzen habe er damals noch nicht gedacht. Trotz mehrheitlich tragischer Geschichten und ernster Themen: In Serkans Veranstaltungen wird oft gelacht. Wie geht das zusammen? «Es ist schlussendlich eine Gratwanderung. Das Diskutieren über Erlebtes erzeugt meist Stimmungen zwischen humorvoll-lustig und emotional betroffen. Das ist immer ein bisschen heikel. Je erfahrener man ist, desto besser kann man damit spielen, aber man braucht das nötige Fingerspitzengefühl dafür.» Hier kommt Yalçinkaya sicherlich auch sein ausdrucksstarkes Mienenspiel zugute, das er in Sekundenschnelle zu wechseln versteht. Er spüre die Dynamiken in einer Veranstaltung sehr gut und wisse genau, wann er jeweils wieder auf die eine oder andere Seite umschwenken müsse. «Zusätzlich gibt es für den emotional betroffenen Stimmungsbereich auch eine rote Linie – zum Beispiel dann, wenn Witze über Opfer gemacht werden.» Die Lernenden in Schaffhausen erfahren jetzt, dass Serkan Yalçinkaya jedes Wochenende als Fussballtrainer acht Junioren in einem Minibus durch die Schweiz fährt. Sein Handy verstaut er vor der Fahrt immer in seiner Trainingstasche im Kofferraum. Nun will er von den Jugendlichen wissen, warum er das tue. «Weil es verboten ist, am Steuer das Handy zu benutzen», antwortet ein Lernender. «Weil du so gar nicht in Versuchung kommen kannst, auf das Handy zu schauen», sagt ein anderer. «Weil ich nicht wüsste, wie ich dem Bruder eines meiner Junioren erklären sollte, dass sein Bruder heute nicht mehr nach Hause kommen werde, weil er im Spital liegt – wegen eines Scheiss-SMS», sagt Yalçinkaya schliesslich und jede und jeder im Saal spürt, dass er das auch genau so meint. Vielleicht ist das ein weiterer Grund dafür, dass die Jugendlichen Serkan Yalçinkaya zuhören und sich ihm öffnen: weil er sich nicht scheut, persönlich zu werden. Dadurch wirkt er glaubwürdig und ehrlich.

Marcel Hegetschweiler

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