Interview mit Jürg Boll im Report Ausgabe 2020

«Das Hauptmotiv der Raser ist ihr Imponiergehabe»

Der Zürcher Staatsanwalt Jürg Boll hat sich über die Schweiz hinaus einen Namen gemacht im Kampf gegen Autoraser und für mehr Sicherheit im Strassenverkehr. Anfang Jahr gab er die Leitung des Fachbereichs Verkehr der Zürcher Staatsanwaltschaft ab. Für RoadCross Schweiz zieht er Bilanz.

Dr. Jürg Boll, «Raser-Jäger»
Der 67jährige Jurist beschäftigte sich als Staatsanwalt und Ankläger der Staatsanwaltschaft Zürich praktisch ein Berufsleben lang mit schweren Verkehrsdelikten. Sein 1999 veröffentlichtes Buch «Grobe Verkehrsregelverletzung» gilt bis heute als Standardwerk. Ab 2005 leitete Boll den neu gegründeten Fachbereich Verkehr der Zürcher Staatsanwaltschaft, die sogenannte «Rasergruppe». Heute werden schwere Raserdelikte konsequent als Verbrechen qualifiziert und mit Freiheitsstrafen, mehrjährigem Führerausweisentzug und mit der Beschlagnahme des Fahrzeugs als «Tatwerkzeug» geahndet.

Herr Boll, Sie haben sich praktisch Ihr ganzes Berufsleben als Staatsanwalt für mehr Sicherheit im Strassenverkehr und gegen Autoraser engagiert. Hat sich die Arbeit gelohnt?
In meiner Funktion war ich für den gesamten Bereich Strassenverkehr zuständig. Die steigende Anzahl an Raserunfällen führte seit 2005 zu einem koordinierten Vorgehen von Polizei und Staatsanwaltschaft gegen diese High-Risk-Fahrer. Die gute Zusammenarbeit dieser beiden Amtsstellen führte zum Erfolg. Ja, die Arbeit hat sich definitiv gelohnt.

Wo gab es wesentliche Fortschritte?
Die Polizeibeamten werden ausgebildet, Raserunfälle zu erkennen und so zu dokumentieren, wie es bei Unfällen mit schwerer Körperverletzung oder Todesfolge üblich ist. Das ermöglicht es, den Raserfall zu beweisen. Ebenso wichtig ist die Prävention. Geschwindigkeitsexzesse und hochriskante Fahrweisen müssen geahndet werden, bevor es zu einem Unfall kommt. Viele Raser dokumentieren ihre Taten mit Videos. Mit ihrem Geltungsdrang erleichtern sie unsere Arbeit, indem sie die Beweise grad selber liefern.

Wo besteht Handlungsbedarf?
Die geltende Rasergesetzgebung darf nicht verwässert werden. Raser sind eine extrem kleine Gruppe, 2017 etwa wurden 401 Erwachsene verurteilt. Ihre verantwortungslose Fahrweise gefährdet aber alle anderen. Es ist mir unverständlich, dass es jetzt politische Bestrebungen gibt zur Milderung der Strafen für Raser.

Sie haben Hunderte von Rasern einvernommen. Was sind deren Motive?
Hauptmotiv ist Imponiergehabe. Viele lassen ihre Tempoexzesse auf Video aufnehmen, halten zum Beispiel auf der Autobahn nebeneinander und starten ein Rennen. Oder überholen sich innerorts bei halsbrecherischem Tempo. Diese Videos werden unter Kollegen oder im Internet geteilt. Seit einiger Zeit kommt es gehäuft zu Unfällen, weil das elektronische Fahrstabilitätsprogramm (ESP) ausgeschaltet wird, um mit durchdrehenden Rädern publikumswirksam zu beschleunigen oder zu driften. Ohne ESP geht die Kontrolle des Fahrzeugs rasch verloren.

Wie sieht das Profil eines Rasers aus?
Wichtigstes Merkmal ist das Geschlecht. Unter den erwähnten 401 Verurteilten finden sich nur zehn Frauen. Die Täter sind jung, die Hälfte zwischen 18 und 29 Jahren alt. 60 % sind Ausländer, davon die Hälfte ohne Aufenthaltstitel in der Schweiz.

Wie hoch ist die Rückfallquote?
Ich kenne dazu keine genaue Statistik. Aber ich erinnere mich nur an sehr wenige verurteilte Raser, die rückfällig wurden.

RoadCross Schweiz engagiert sich seit dreissig Jahren für Betroffene von Unfällen im Strassenverkehr. Wie beurteilt der Strafrechtsexperte unsere Arbeit?
In der Botschaft des Bundesrates zur Revision des SVG («Via Sicura») waren mit Ausnahme einer neuen Bestimmung zur Einziehung von Motorfahrzeugen (Art. 90a SVG) keine Massnahmen gegen Raser vorgesehen. Die Raserinitiative von RoadCross Schweiz machte dann massiv Druck. In der parlamentarischen Beratung wurden die wichtigsten Anliegen der Initiative integriert: Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr, Führerausweisentzug von mindestens zwei Jahren und Wiederaushändigung nur nach positiv verlaufenem verkehrspsychologischem Gutachten. RoadCross Schweiz macht erwiesenermassen gute und wichtige Arbeit.

Haben Raser ein Unrechtsbewusstsein?
Die Beweislage ist jeweils so erdrückend, dass der objektive Unfallablauf anerkannt wird. Viele bagatellisieren aber ihre Fahrweise und machen geltend, jeder mache einmal einen Fehler.

Was ist aus Ihrer Sicht zentral für erfolgreiche Präventionsarbeit?
In der Prävention sollten dieses Imponiergehabe diskutiert und die möglichen verhängnisvollen Konsequenzen aufgezeigt werden. Dazu gehören nicht nur die drohenden Strafen, sondern auch die gesundheitlichen und finanziellen Risiken.

Seit Januar sind Sie im Ruhestand. Vermisst der «Raser-Jäger» seine Kundschaft?
Ich bin als Staatsanwalt zurückgetreten, arbeite aber auf meinem Fachgebiet weiter. Ich stelle mein Wissen in Form von Weiterbildungen und Publikationen zum gesamten Gebiet des SVG zur Verfügung. So ist mir der Abschied leichter gefallen.

Interview: Mike Egle, RoadCross Schweiz