Das Thema Verkehr ist ein integraler Bestandteil des Erwachsenenwerdens

Ein Gespräch mit der Abteilungsleiterin Christine Vögele

Im Jahr 2005 wurde die Vorgängerorganisation «Vereinigung für die Familien der Strassenopfer (VFS)» in die Stiftung RoadCross umgewandelt. Im Stiftungszweck wurde neu auch ein Fokus auf die Präventionsarbeit und die Zielgruppe der 16­ bis 24­jährigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen gelegt. Der Grund ist, dass diese Altersklasse prozentual am meisten von schweren Verkehrsunfällen betroffen ist. Seither sensibilisiert RoadCross jährlich Tausende junge Menschen auf die Gefahren im Strassenverkehr.

Juni 2024 – Beitrag aus dem Jahresbericht 2023

Seit September 2023 leitet Christine Vögele die Abteilung der Prävention.

Liebe Christine, du leitest seit Mitte 2023 die Abteilung der Prävention? Gab es bei deinem Start positive oder negative Überraschungen?

Nein, Überraschungen gab es eigentlich keine. Da ich bereits vor meinem Engagement bei RoadCross in der Prävention gearbeitet habe, war mir die Stiftung schon vor meinem Eintritt ein Begriff. Ich finde es beeindruckend, was hier in den letzten Jahren in der Präventionsarbeit aufgebaut wurde.

Was beeindruckt dich?

Mich beeindruckt die Anzahl an Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die RoadCross mit seinen Präventionsveranstaltungen schweizweit Jahr für Jahr erreicht. Auch im Jahr 2023 wurden in 373 Veranstaltungen wieder rund 13‘000 Jugendliche und junge Erwachsene auf die Risiken und Gefahren im Strassenverkehr sensibilisiert. Das ist eine beachtliche Zahl und eine Zahl mit grosser Wirkung. Dennoch streben wir danach, noch mehr Jugendliche zu erreichen.

«13’000 Jugendliche und junge Erwachsene – das ist eine beachtliche Zahl und eine Zahl mit grosser Wirkung.»
– Christine Vögele –

Wie wollt ihr dies angehen? Was habt ihr unternommen um noch mehr junge Menschen mit eurer Präventionsarbeit zu erreichen?

Insbesondere in der Romandie haben wir die Akquise bei Schulen und Ausbildungszentren verstärkt. Ausserdem haben wir den Austausch mit dem Militär gesucht, um in den Rekrutenschulen in der Romandie ähnlich viele Veranstaltungen wie in der Deutschschweiz durchführen zu können. Allgemein sind wir in der Deutschschweiz mit unseren Veranstaltungen präsenter wie in der französischen Schweiz. Dies möchten wir in der Zukunft ändern. In der Romandie gibt es noch viel Potenzial für uns.

Du hast es gesagt, ihr seid viel in Schulen und Ausbildungszentren. Was macht RoadCross zu einem spannenden Partner für diese Institutionen?

Die Mobilität ist für Jugendliche und junge Erwachsene von grosser Bedeutung und steht auch im Zusammenhang mit anderen Präventionsthemen wie Alkohol und Drogen. Das Thema Verkehr ist ein integraler Bestandteil des Erwachsenwerdens. Die Schulen und Ausbildungszentren haben erkannt, dass Verkehrssicherheit zur Lebenswelt ihrer Lernenden gehört und finden es wichtig, sie auf die Gefahren im Strassenverkehr hinzuweisen. Ziel der Veranstaltungen ist es, den Lernenden Strategien hinsichtlich ihrer Sicherheit mit auf den Weg zu geben. Die Zusammenarbeit mit den Schulen hat sich über die Jahre bewährt und mittlerweile ist RoadCross institutionalisiert und in vielen Schulprogrammen fest verankert.

Im Schulkontext nehmen die Jugendlichen nicht freiwillig an den Veranstaltungen teil. Wie gewinnen die Moderierenden dennoch ihre Aufmerksamkeit?

Dies ist in der Tat eine Herausforderung. Neben aktuellen Inhalten, realen Geschichten aus dem Leben und modernen Veranstaltungsformen ist es wichtig, den Jugendlichen auf Augenhöhe entgegenzutreten. Die Moderierenden versuchen ihnen aufzuzeigen, wie entscheidend ihre Rolle und ihr Verhalten im Strassenverkehr sind. Die Jugendlichen müssen verstehen, dass es beim Thema um sie selber und nicht um irgendwelche Theorien geht – wir reden über das reale Leben und die Konsequenzen von falschen Entscheidungen. In den Klassen kann man gut beobachten, wie die Unruhe mit Verlauf der Veranstaltung abnimmt und die Aufmerksamkeit steigt. Schlussendlich geben uns 90% aller Teilnehmenden eine gute bis sehr gute Rückmeldung. Zu wissen, dass wir das Publikum inhaltlich erreichen, ist sehr wichtig für uns.

Einige Veranstaltungen finden mit der Polizei statt. Wie reagieren darauf die Jugendlichen?

Die Jugendlichen kennen die Polizei meist eher als repressive Organisation, die Bussgelder verhängt und Verbote ausspricht. Und dies kann ärgerlich sein. Daher ist es wichtig, dass die Jugendlichen auch die gute und wichtige Präventionsarbeit der Polizei wahrnehmen und diese auch zu schätzen wissen. Zudem kann die Polizei aus ihrem Erfahrungsschatz erzählen und möglicherweise über Fälle berichten, welche die Jugendlichen aus der Region kennen. Dies bewegt dann mehr als blosse Theorie.

Plötzliche Stille: Abras Geschichte zieht die Jugendlichen in ihren Bann.

Die Jugendlichen wollen keine Theorien hören?

Nein, dies beeindruckt sie eher weniger. Natürlich weisen wir punktuell auch auf Gesetze hin und erklären bei Fragen, was verboten ist und was nicht. Aber dies lernen die Jugendlichen auch in der Fahrausbildung. In unseren Veranstaltungen geht es viel um die eigene Entscheidung und mögliche Konsequenzen daraus. Denn schlussendlich geht jedem Verkehrsunfall mindestens eine falsche Entscheidung eines Verkehrsteilnehmers voraus. Somit ist im Umkehrschluss auch klar, dass man mit guten Entscheidungen viel zu seiner eigenen Sicherheit, so wie auch zur Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden beitragen kann. Unsere Veranstaltungen laufen unter dem Motto „YourChoice. Deine Entscheidung.“. Der Slogan wird verstanden und kommt bei den Jugendlichen sehr gut an.

RoadCross führt rund 400 Veranstaltungen im Jahr durch. Wie ist dies für eine doch eher kleine Organisa­ tion überhaupt zu stemmen?

Wirklich eine beeindruckende Zahl. Und wir können die­ se nur bewältigen, weil wir sehr eng mit Freelancern zu­ sammenarbeiten, welche auf Mandatsbasis für RoadCross tätig sind.

YourChoice – Die Kampagne für die gute Entscheidung

Was müssen Freelancer mitbringen, um Präventionsveranstaltungen durchführen zu können?

Unsere Freelancer bringen in der Regel Kompetenzen aus Bereichen wie Präventions­ oder Jugendarbeit oder auch als Fahrexperten mit. Sie alle verbindet ein starkes Engagement für Verkehrssicherheit sowie die Fähigkeit, eine Verbindung zu den Jugendlichen herzustellen. Durch ihre vielfältigen beruflichen Hintergründe entstehen intern immer wieder Synergien und fruchtbare Diskussionen über aktuelle Trends und die Ausgestaltung von Präventionsarbeit. Die Freelancer tragen so einen wichtigen Teil dazu bei, dass wir uns kontinuierlich hinterfragen und weiterentwickeln können.

Du sprichst es an: Präventionsarbeit muss sich weiterentwickeln und mit der Zeit gehen. Wie stellt RoadCross sicher, dass ihre Inhalte die Zielgruppe erreichen?

In der Forschungsarbeit PreventionLab hat sich RoadCross in den vergangenen drei Jahren sehr mit der eigenen Arbeit auseinandergesetzt. Das Resultat waren Massnahmen, welche seither schrittweise in unsere Arbeit integriert werden. Wir setzen dabei auch auf den direkten Austausch mit unserer Zielgruppe. Im Jahr 2023 haben wir eine Peer­Gruppe aus Jugendlichen gebildet, um regelmässig Feedback zu unserer Arbeit und unseren Projekten zu erhalten. Ihre Perspektive fliesst somit aktiv in die Gestaltung unserer Veranstaltungen und die Entwicklung von neuen Präventionsmassnahmen ein.

Eine Peer-­Gruppe aus Jugendlichen hört sich vielversprechend an. Könntest du uns ein Projekt nennen, in welches diese Gruppe involviert ist?

Die Peers sind beispielsweise in die Entwicklung des Digitalisierungsprojekts «Be my Story» involviert. Das Projekt ergänzt unsere bestehenden Workshops und ermöglicht es, mithilfe von VR-­Brillen in Geschichten einzutauchen und mit Personen in Kontakt zu treten, die selbst Verkehrsunfälle erlebt haben. Die Geschichten sollen dabei zum «anders handeln» motivieren und die Wichtigkeit von guten und sicherheitsfördernden Entscheidungen aufzeigen. Die Peer­-Gruppe hilft uns sicherzustellen, dass wir nicht an der Zielgruppe vorbeientwickeln. Sie überwacht sozusagen den Fortschritt unseres Projekts.

Ist RoadCross ausschliesslich in der Jugendprävention aktiv oder gibt es auch ein Angebot für Erwachsene?

Der Fokus liegt eindeutig auf der Jugendprävention, da Jugendliche und junge Erwachsene prozentual nach wie vor am stärksten von schweren Verkehrsunfällen betroffen sind. Aber wir bieten auch ein Fahrsicherheits­-Coaching für Erwachsene an, welches als CZV-­Kurs an­ erkannt ist. Insbesondere für Berufschauffeure ist es wichtig, ihre Routine nicht zum Risiko werden zu lassen. Und einige Kurse für Erwachsene führen wir an einem doch eher überraschenden Ort durch.

“Be my story”: Um auch weiterhin die Zielgruppe zu erreichen, muss Präventionsarbeit mit der Zeit gehen.

Und dieser Ort wäre?

In Gefängnissen und Strafanstalten. Dabei besuchen manche Insassen freiwillig die Veranstaltungen als Teil eines Reintegrationsprogramms, während es für andere obligatorisch ist, falls sie aufgrund von Delinquenz im Strassenverkehr inhaftiert sind. Die 1,5­ bis 2,5­stündigen Veranstaltungen behandeln ähnliche Themen wie in der Jugendprävention, finden jedoch in kleineren Gruppen statt. Da die Insassen für ein Vergehen im Strassenverkehr verurteilt wurden, führt dies oft zu lebhaften und anregenden Diskussionen. Dies ist auch für unsere Moderierenden eine ungewöhnliche Erfahrung.

Welche Erfahrung hast du selber seit deinem Einstieg bei RoadCross gemacht? Lohnt sich der ganze Aufwand für die Prävention?

Ja, durchaus. Die Teilnehmenden bestätigen, dass ihnen vieles erst in der Präventionsveranstaltung bewusst wurde. Beispielsweise sind sie sehr erstaunt, die Auswirkungen von Verkehrsunfällen vor Augen zu sehen oder zu hören, welche finanziellen Folgen ein solcher für ihr Leben haben kann. Und zwar unabhängig davon, wie man sich im Verkehr fortbewegt. Deshalb ist uns die Zielgruppe der Mitfahrenden auch ein besonderes Anliegen. Die Entscheidung, bei wem ich wann unter welchen Bedingungen ins Auto steige, ist gerade bei den jüngeren Teilnehmenden eine bedeutsame Entscheidung. Ein Polizist, dem ich dieselbe Frage gestellt habe, hat schön zusammengefasst: «Für jede Person, die einem betrunkenen Fahrer nicht ins Auto steigt, hat sich die Arbeit gelohnt.“

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